Mit vielen ehemaligen Kollegen bin ich bis heute in Kontakt, man telefoniert, sieht sich irgendwann im Jahr und erzählt, was sich so tut. Bei den Recherchen für mein Buch bin ich auf diesem Weg bei Kyocera auf etwas gestoßen, das mich seitdem beschäftigt: das Next Generation Board.
In diesem Artikel erzähle ich, was hinter dem Next Generation Board steckt, warum ich darin vor allem ein Programm für Teilhabe sehe, was es mit der Frage zu tun hat, wer dem CEO eigentlich die Wahrheit sagt, und was so ein Board aus meiner Sicht braucht, damit es mehr ist als eine schöne Geste.
Was das Next Generation Board ist
Gegründet hat es die Geschäftsführung von Kyocera Document Solutions Deutschland. Dietmar Nick, einer der Geschäftsführer, hat die Idee selbst auf LinkedIn vorgestellt, im April 2024 die Gründung und im Januar 2025 die Gruppe dahinter. Das Next Generation Board steht, so schreibt er, neben dem Board of Directors. Darin sitzt eine kleine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen der nächsten Generation aus verschiedenen Fachbereichen, die durch wache Augen, offene Ohren und Eigeninitiative aufgefallen sind: Menschen, die beim Townhall die Hand heben und sich in Projekten über ihre eigentlichen Aufgaben hinaus einbringen.
Anfangs traf sich die Gruppe einmal im Quartal mit der Geschäftsführung, Anfang 2025 schreibt Dietmar von Treffen alle zwei Monate und beschreibt zwei Schwerpunkte. Der erste ist Transparenz: Die Geschäftsführung spricht offen darüber, was sie tut, welche Herausforderungen ihr begegnen und was Führungsarbeit wirklich bedeutet, und sie teilt dabei Unternehmenszahlen, Kennzahlen und die strategische Ausrichtung. Der zweite sind echte Aufgaben, zum Beispiel eine KI-Lösung zu finden, die Meetings effizient dokumentiert, oder sich mit der nächsten Generation bei den Partnern zu vernetzen. Für 2025 waren außerdem Besuche in der Europazentrale in Amsterdam und in der Zentrale in Japan geplant.
In den Treffen geht der Blick ausdrücklich auch von unten nach oben: Die Gruppe sagt, was sie an der aktuellen Richtung schätzt und vor allem, welche Veränderungen und Innovationen sie für die Zukunft sieht.
Dass dort offen über Zahlen gesprochen wird, hat mich nicht überrascht. Schon zu meiner Zeit bei Kyocera hatten wir eine rollende Ergebnisrechnung, jeden Monat aktualisiert und für alle sichtbar, die schauen wollten. Darüber habe ich in Open Books, oder warum Transparenz keine Schwäche ist geschrieben. Das Next Generation Board geht einen Schritt weiter, es zeigt nicht nur die Zahlen, es holt die Menschen an den Tisch, an dem über sie gesprochen wird.
Mehr als Nachwuchsförderung: ein Programm für Teilhabe
Dietmar macht kein Geheimnis daraus, dass er in der Gruppe auch die Führungskräfte von morgen sieht. Er würde sich freuen, wenn dort schon sein Nachfolger sitzt, und das würde ich ihm gönnen. Ob die Mitglieder später wirklich Führung übernehmen, lässt er bewusst offen.
Mich packt an der Idee aber vor allem etwas anderes. Dietmar spricht davon, der nächsten Generation „nicht nur zuzuhören, sondern sie aktiv in die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft einzubinden“. So wie es mir aus Gesprächen mit früheren Kollegen erzählt wurde, wechselt die Besetzung, und mitmachen kann jeder bis hin zur Teamleitung, egal wo im Unternehmen und mit welcher Aufgabe. Alle Details kenne ich nur aus zweiter Hand, das Prinzip dahinter überzeugt mich trotzdem: Mit der Zeit kann die Idee so viele Menschen im Unternehmen erreichen, und genau das ist für mich Teilhabe, gehört werden und mitgestalten.
Wer sagt dem CEO die Wahrheit?
Ende August habe ich mich mit einer Frage beschäftigt, die Barbara Schmidt-Ley aufgeworfen hatte: Wer sagt dem CEO die Wahrheit? Jeder Berichtsweg filtert, das ist schlicht Struktur, weil jede Ebene durch ihre eigene Brille schaut und das weitergibt, was aus ihrer Sicht wichtig ist. Was in einem Bereich wie ein operatives Detail aussieht, kann für die Geschäftsführung genau das Signal sein, das ihr fehlt.
Das Next Generation Board ist eine Antwort darauf, die mir gefällt, weil sie Durchlässigkeit schafft. Themen dürfen auch mal am offiziellen Berichtsweg vorbei nach oben, und die Geschäftsführung hört direkt, was die Belegschaft bewegt und was die Leute im Alltag sehen, lange bevor es auf irgendeiner Folie auftaucht. Die Menschen im Unternehmen wiederum erleben, dass ihre Beobachtungen zählen und sichtbar werden. Der Gewinn liegt auf beiden Seiten.
Nemawashi mit festem Termin
Bei einem Unternehmen mit japanischen Wurzeln liegt noch ein zweiter Gedanke nahe. Nemawashi (根回し) heißt wörtlich, die Wurzeln eines Baumes vorzubereiten, bevor man ihn versetzt. Im Unternehmen ist es das Gespräch vor dem Gespräch, also Menschen einzubinden, bevor Entscheidungen fallen (Nemawashi: Das Gespräch vor dem Gespräch). Meist passiert das informell und unter vier Augen, weil jemand an die Menschen gedacht hat, bevor er an die Entscheidung gedacht hat.
Das Next Generation Board gibt dieser Haltung eine feste Form, mit festem Termin und einem Platz am Tisch. Das Gespräch vor dem Gespräch hängt dann nicht mehr allein davon ab, ob eine einzelne Führungskraft daran denkt, es ist im Unternehmen verankert.
Was so ein Board braucht, damit es wirkt
Ein Board aus der Belegschaft ist schnell gegründet. Damit es mehr wird als eine schöne Geste, braucht es aus meiner Sicht vier Dinge.
- Echte Einblicke. Wer mitdenken soll, braucht dieselben Zahlen wie die, die entscheiden. Genau das passiert bei Kyocera, wenn die Geschäftsführung Kennzahlen und strategische Ausrichtung offenlegt.
- Echte Aufgaben. Lernen allein reicht nicht, das schreibt Dietmar selbst. Eine Aufgabe mit Verantwortung, wie die Suche nach einer KI-Lösung für die Meetingdokumentation, macht aus Gästen Beteiligte.
- Eine Rückmeldung, was aus den Themen wird. Wer ein Thema nach oben trägt, will wissen, was daraus geworden ist, auch wenn die Antwort mal Nein lautet. Mit einer ehrlichen Rückmeldung bleibt die Durchlässigkeit lebendig, und die nächsten Themen kommen von selbst.
- Die Führungskräfte dazwischen mitnehmen. Wenn Themen am Berichtsweg vorbei nach oben gehen, kann sich die Ebene dazwischen schnell übergangen fühlen. Das Board ist eine Ergänzung zum Berichtsweg, und die Teamleitungen und Abteilungsleitungen gehören in die Gespräche darüber von Anfang an hinein.
Fazit: Durchlässigkeit ist Führungshaltung
Für mich ist das Next Generation Board Führungshaltung in einer festen Form: Transparenz nach unten und echtes Zuhören nach oben. Es braucht dafür vor allem eine Geschäftsführung, die wissen will, was die Belegschaft sieht, und die bereit ist, sich das auch ungefiltert sagen zu lassen.
Ob dort eines Tages wirklich Dietmars Nachfolger sitzt, wird sich zeigen. Manche Themen kommen jedenfalls über den Flur schneller oben an als über jeden Berichtsweg…
Beide Quellen wurden am 19. Oktober 2026 geprüft.